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Das (fast) perfekte Vebrechen

Kennt ihr das? Ihr habt wieder einmal ein (oder mehrere) Modelle bestellt, obwohl ihr noch kistenweise ungebauter Modelle im Keller stehen habt. Eure bessere Hälfte soll das nicht zwingend mitbekommen…

Vorab muss ich offen und ehrlich sagen, dass meine Frau in Sachen ‚Modellanhäufung ihres Gatten‘ ein sehr kulantes und umgängliches Exemplar ist. Es gab wegen meiner regelmäßigen Käufe und Bestellungen – trotz über hundert ungebauter Modelle im Keller – noch nie eine Diskussion oder gar einen schrägen Blick seitens meiner werten Gattin.

Und dennoch habe ich jedes Mal ein schlechtes Gewissen, wenn ich mir wieder mal ein neues Modell oder Zubehör zulege.
Fast schon automatisch bestelle ich die Ware meist, wenn ich allein bin und lasse sie mir zur Arbeit oder an die Packstation liefern. Natürlich geht das nicht mit jeder Lieferung und so landet das ein oder andere Kleinod von ausländischen Händlern zunächst beim lieben Zoll, wo ich es dann gegen eine kleine Gebühr – nennen wir sie ‚Mehrwertsteuer‘ – abholen darf.

Soweit so gut. Ich habe damit noch nie ein Problem gehabt und zahle gern die paar Euro zusätzlich für Dinge, die ich in Deutschland nicht bekommen kann. Ich freue mich jedes Mal, wie ein Kind, wenn ich das Paket beim Zoll übergeben bekomme.

Doch ebenso automatisch, wie ich diese Dinge/Modelle bestelle, und schon fast mit krimineller Gerissenheit, gehe ich beim Abholen der Ware und Vorbeischmuggeln an den wachsamen Augen meiner Frau vor.

So kam es, dass ich gestern im Briefkasten einen Brief vom Hauptzollamt vorfand, in dem ich gebeten wurde, eine aus Australien stammende Lieferung dort abzuholen. Diese hatte ich zwei Wochen zuvor bestellt – natürlich ohne das Wissen meiner Frau.
Die glückliche Fügung lies also mich diesen Brief vom Zoll im Briefkasten vorfinden und selbigen sogleich unter meiner Jacke verschwinden. In der Wohnung angekommen, stellte ich fest, dass meine bessere Hälfte gerade ein Bad nahm und somit vorübergehend außer Gefecht war.
Schnell öffnete ich den Brief vom Zoll, druckte die darin geforderten Rechnungen und Zahlungsbelege aus und beschloss, gleich am nächsten Morgen (mein freier Tag) zum Zoll zu fahren.

Gesagt – getan. Heute morgen – meine Frau war arbeiten – stand ich früh auf und fuhr mit allen Unterlagen direkt zum Zoll, wo man mir mein Paket, nebst Zoll-Rechnung der zu entrichtenden Mehrwertsteuer, aushändigte. Strahlend zahlte ich und fuhr mit meiner Beute wieder nach Hause. Froh darüber, dass alles so gut geklappt hatte und penibel darauf bedacht, auch jetzt im Nachgang keine Fehler zu machen, legte ich das Paket und die Rechnung vom Zoll auf dem Schreibtisch meiner Frau ab, öffnete das Paket und begutachtete erstmal dessen Inhalt.
Meine Frau wäre noch für mindestens vier Stunden auf der Arbeit.
Apropos Frau: Da ich sie immer im Büro anrufe, nachdem ich an meinem freien Tag aufgestanden bin, tat ich dies auch heute. Blos nicht auffallen durch atypische Verhaltensweisen…

Nachdem wir ein wenig gequatscht hatten und ich ihr glaubwürdig versichern konnte, dass bei mir heute noch nichts besonderes geschehen war (Achtung: dünnes Eis), verabschiedeten wir uns und ich machte mich wieder über mein Paket her. Darin enthalten, zwei Modellbau- und zwei Zurüstsätze. Nach ausgiebiger Begutachtung aller Teile, der Anleitungen und der Decals, ging es ans Verwischen der Spuren:

  1. Versandkarton und Verpackungsmaterial wurden kleingeschnitten und direkt draußen im Papiermüll entsorgt. – CHECK!
  2. Die beiliegende Rechnung des Händlers wurde direkt abgeheftet. – CHECK!
  3. Die Modelle und Zurüstsätze verschwanden in einem Schrank, in dem noch jede Menge andere Modelle lagerten. – CHECK!
  4. Die Einschweißfolien der Modelle wurden entsorgt und unter anderem Müll versteckt. – CHECK!
  5. Meine Schuhe vor der Wohnungtür wurden wieder so hingestellt, wie sie immer stehen (meine Frau merkt das) – CHECK!
  6. Das Auto hatte ich bei meiner Heimkehr schon wieder auf demselben Parkplatz geparkt, wo es zuvor stand – zum Glück war der noch frei. – CHECK!
  7. Nochmals alles überprüft – scheinbar nichts vergessen. Keine Spuren mehr vom Karton und dessen Inhalt. – CHECK!

Dann begab ich mich an ein paar Aufgaben im Haushalt und wartete schließlich auf die Heimkehr meiner Frau am frühen Nachmittag. Wie immer brachte sie für uns beide belegte Brötchen mit, die wir dann an unseren Schreibtischen sitzend verspeisen würden.

Als sie sich mit ihrem Brötchen an ihrem Schreibtisch neben mich setzte – wohlgemerkt keine 5 Minuten nach ihrer Heimkehr – fragte sie fast beiläufig („Gefahr! Gefahr!“):

„Du hast heute was beim Zoll abgeholt?“

WOHER ZUM TEUFEL??!??! Das ich mich nicht augenblicklich tödlich an meinem Brötchen verschluckt habe, war auch schon das Beste, das mir in diesem Moment wiederfahren ist.
Unglaublich diese Frau! Was sollte ich jetzt sagen? Leugnen? Stopp! Irgendwoher musste sie die Info ja haben. So was erriet man nicht einfach so.

Eine leichte Wut kam in mir auf. Wut auf mich selbst, weil ich offenbar irgend ein Detail übersehen hatte. Wut auf mich selbst, weil ich überhauot solche (unnötigen) Versteckspiele spielte.
Sollte ich aggressiv abweisend reagieren? Nein, das hatte sie nicht verdient. Warum auch? Schließlich hatte sie nichts falsch gemacht.

Also antwortete ich wahrheitsgemäß und bemüht beiläufig: „Ja…“
Noch bevor ich nachhaken konnte, wie sie drauf gekommen war, fiel mir die Rechnung vom Hauptzollamt ins Auge, die immer noch auf dem Schreibtisch meiner Frau lag und die mich schließlich verraten hatte.

Zu fixiert auf die Lieferung und deren Inhalt, hatte ich das offensichtlichste Beweisstück vergessen zu beseitigen…
Als meine Frau meinen verlegenen Blick bemerkte, sagte sie mit einem bittersüßen Lächeln:
„Du weißt doch mein Schatz, ich merke alles…“

Okay, es war mein Fehler und ich gönne ihr die Genugtuung :-)

– Jan Melcher –

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